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Neue Impulse für die Stadt nach Corona: Ein Interview mit Helena Schulte von der schultearchitekten gmbh

7. Januar 2021

Corona stellt Stadtentwickler und Architekten vor komplett neue Herausforderungen. Leerstehende Gewerbe- und Büroflächen, weniger Kleingewerbe, verödete Stadtviertel sind auch in Köln leider immer wieder zu finden – besonders seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Andererseits kann gerade diese Situation ein Anstoß zur Veränderung sein – hin zu bunten und durchmischten Quartieren. Das Kölner Architekturbüro schultearchitekten hat sich mit der Frage beschäftigt, wie und wohin sich die aktuelle Stadtplanung entwickeln kann. Mehrere Auszeichnungen erhielten die Kölner für ihre Idee, unter anderem konnten sie den renommierten NXT A-Ideenwettbewerb für sich entscheiden. Mehr dazu lesen Sie im Interview mit der Architektin Helena Schulte.

Architektin Helena Schulte (Bild: schultearchitekten gmbh)

Sie haben sich, basierend auf eigenen Erfahrungen während der Corona-Zeit, damit beschäftigt, was Menschen brauchen, um im Covid 19-Zeitalter bestmöglich leben und arbeiten zu können. In welche Richtung müsste sich die Stadtplanung verändern, damit Menschen in der aktuellen Situation die nötige Balance aus Arbeiten und Wohnen finden?

Helena Schulte (HS): Im Zuge der Ausbreitung von Covid-19 und der damit verbundenen Einschränkungen des urbanen Lebens schreit es förmlich nach einer Erlösung von monofunktionalen Stadtstrukturen. Die Pandemie verdeutlicht die Problematik der ausgebluteten Innenstädte (leerstehende Gewerbe- und Büroflächen, schwindendes Kleingewerbe), deren ungleiche Nutzungsstrukturen den gesellschaftlichen Entwicklungen in der heutigen Form nicht gewachsen sind. Die Corona Erfahrung unterstreicht darüber hinaus die vorherrschenden, unausgeglichenen Wohnverhältnisse zwischen den verschiedenen Gesellschaftsklassen sowie die einseitige Bespielbarkeit der Wohnräume im Allgemeinen.
Für Stadtplanungsämter und deren Verantwortliche sind diese Erkenntnisse sicherlich nicht neu.  Allerdings handelt es sich bei Stadtplanung meist um komplizierte, lang andauernde, administrative Prozesse. Es ist nicht einfach, die stetigen Veränderungen des urbanen Gefüges vorausschauend vorwegzugreifen. Stadt ist ein organisches Gebilde, welches sich stetig weiterentwickelt. Es wäre ein falscher Ansatz, davon auszugehen, dass man diese wie eine Skulptur zu einem Endprodukt formen könnte.

Bild: schultearchitekten gmbh

Ein großes Potential liegt in der Rolle der Architektur. Eine intelligente Umnutzung des Altbaus und das Potential von nutzungsoffenem Neubau sollten gezielt zur Widerstandsfähigkeit der Städte in außerordentlichen Situationen beitragen. Im Sinne der Nachhaltigkeit des Bauprozesses und der Nutzerbedürfnisse ist davon auszugehen, dass Wohnen und Arbeiten in der Zukunft stärker aneinanderstoßen werden. Dies sollte sich ebenfalls in der Architektur widerspiegeln. Die Baubranche wird sich in den kommenden Jahren vermehrt mit der Umnutzung von bereits bestehenden Gebäuden auseinandersetzen müssen. Hier besteht die Chance einer intelligenten Nachverdichtung, welche ökologisch gesehen unabdinglich ist, um Ressourcen zu schonen. Im Neubau wird die Maxime lauten: „Räume ohne Eigenschaften“ zu schaffen. Das heißt, nutzungsoffene Gebäude zu entwerfen!

Im Presseblatt zu „Räume ohne Eigenschaften“ schreiben Sie, dass Räume ohne Eigenschaften die funktionale Stadt aufbrechen können. Könnten Sie uns das näher erläutern?

HS: „Räume ohne Eigenschaften“ ist ein Konzept, welches auf das Haus ohne Eigenschaften des Architekten O.M. Ungers in Köln zurückgreift. Angelehnt an den Roman „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil hinterfragte Ungers die konventionellen Wohnformen des Einfamilienhauses, indem er die Hierarchie der Räume (Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer etc.) aufhebt. Das Haus ist nun nicht mehr in Schlaf-, Wohn- und Esszimmer unterteilt, sondern kennzeichnet flexible Wohnräume. Die Wohnverhältnisse sind in stetiger Veränderung, sodass die entsprechenden Zimmer sich permanent den Entwicklungen der Nutzer anpassen müssen. Speziell im Wohnungsbau stellen wir uns Räume mit einer hohen inneren Veränderbarkeit und durchgehenden Barrierefreiheit vor, sodass Wohngebäude auf verschiedene soziale Anforderungen reagieren können. Wenn man das Konzept der „Räume ohne Eigenschaften“ auf das Stadtgefüge überträgt, so könnten nutzungsoffene Gebäudestrukturen die funktionale Stadt aufbrechen, um sich den städtischen Entwicklungen anzupassen.

Was unterscheidet dann die Stadt von „Vor Corona“ von der Stadt „Nach Corona“?

HS: Die Stadt ist ein faszinierender Organismus. Seine gesellschaftspolitische Entwicklung ist nie absehbar. Bestehende Strukturen werden durch urbane spontane Impulse stetig aufgeweicht und fortentwickelt. Die Reaktion auf die Pandemieerfahrung COVID-19 und seine langfristigen gesellschaftlichen Veränderungen sind zu diesem Zeitpunkt schwierig abzusehen.  Der Ansatz „Räume ohne Eigenschaften“ lässt sich also auch auf die städtebauliche Ebene übertragen. Es könnte der Versuch sein, der stetigen urbanen Selbsterneuerung den nötigen Raum zu geben und Städte von der Nutzung her variabler zu gestalten.

Bild: schultearchitekten gmbh

In Ihrem Konzept geht es um „Räume ohne Eigenschaften“, die in Wohnungen, aber auch im Officebereich etabliert werden sollten. Was zeichnet einen „Raum ohne Eigenschaften“ aus?

HS: Auch hier ist der Begriff „Raum“ sinnbildlich gemeint. Wie bereits erwähnt, werden die Nutzungen Arbeiten und Wohnen in der Zukunft stärker verschwimmen. Dies wird auf unterschiedliche Weise geschehen. Aufgrund der Lockdown Maßnahmen verzeichneten Großraumbüros beispielsweise einen großen Leerstand. Büroflächen mit einer ausschließlichen Office Nutzung stellen sich unter den aktuellen Erkenntnissen als obsolet dar. Mindestens sollte eine zukünftige Umnutzung oder Rückbaumöglichkeit von Beginn an bedacht werden. Unterschiedliche architektonische Eigenschaften spielen hier eine entscheidende Rolle (Baustruktur, Erschließungsstrukturen, Gebäudetiefen etc.).  

Nicht immer ist es einfach, in einer Wohnung einen zusätzlichen Raum zu definieren. Wie stellen Sie sich das vor? Wird mit einem zusätzlichen Raum das Konzept der „offenen Grundrisse“ rückgängig gemacht hin zu Wohnungen, die über mehr geschlossene Zimmer verfügen?

HS: Es besteht sicherlich die Gefahr, in ein übliches Grundrissschema zu verfallen. Bei dem Konzept „Räume ohne Eigenschaften“ geht es vielmehr um einen kleinen Flächengewinn von 2-3 m² sowie eine ökonomische Flächenaufteilung des Wohnraums. Dadurch könnten im Sinne der Wohnraumflexibilität abtrennbare Arbeitsnischen oder beliebige Nutzungsqualitäten ermöglicht werden. Der Schweizer Wohnungsbau geht beispielsweise bereits in diese Richtung. Dort spricht man von 2,5 / 3,5 / 4,5 Zimmer Wohnungen.

Ein Weg: flexible Grundrisse

Im geförderten und preisgedämpften Wohnungsbau ist es tatsächlich komplizierter, zusätzliche Wohnfläche zu generieren aufgrund der Überschreitung der Förderrichtlinien. Anstatt größerer Flächen kann der Architekt sich um flexible Wohnstrukturen bemühen. Hier spielen abtrennbare Küchen mit Arbeitsplatznischen oder offene Wohnbereiche mit Trennwänden eine große Rolle.  Im Sinne der Nachhaltigkeit bietet es sich an, von Beginn an die Ausbaufähigkeit / Rückbaufähigkeit mit in den Entwurf einzuplanen. Beispielsweise müsste es das Ziel sein, kleine Wohnungen zu einer großen umfunktionieren zu können und vice versa.

Das Konzept des Raumes ohne Eigenschaften ist das Anliegen, Räume zu schaffen, welche frei von bereits festgefahrenen Nutzungskonventionen sind und offene Nutzungen zulassen. Dies muss nicht unbedingt in Form eines abgetrennten Raumes passieren, sondern bezeichnet vielmehr einen Wohnraum mit flexibler Bespielbarkeit. Die Aufgabe des Architekten ist es, diese Flexibilität in den Grundriss zu integrieren, sodass Räume ohne Eigenschaften entstehen.

Werden Sie das Konzept der Räume ohne Eigenschaften fortan verstärkt in Ihre Entwürfe einfließen lassen?

HS: Wenn möglich, unbedingt. Das hängt natürlich auch vom Auftraggeber ab. Der Architekt bedingt schließlich nicht uneingeschränkt die Projektentwicklung eines Bauvorhabens. Die Entwicklung der Wohnverhältnisse hängt bekanntlich von unterschiedlichen Verantwortlichen der Baubranche ab. Der Architekt hat in seiner Planer-Funktion sicherlich die Verantwortung, auf architektonische sowie gesellschaftliche Bedürfnisse hinzuweisen. Über Covid-19 hinaus ist es ebenfalls im Sinne der akuten Klimakrise wichtig, dass andere Akteure der Baubranche Verantwortung ergreifen (Investoren, Projektentwickler, Bauherrenschaft, Wohnungsgesellschaften, Generalunternehmer, Eigentümer etc…).

schultearchitekten gmbh/ Rendertaxi GmbH

Zudem sollte der Nutzer direkt in die Debatte der Wohnraumveränderung im Zuge von Covid 19 mit einbezogen werden. Auf europäischer Ebene fanden unmittelbar während des ersten Lockdowns bereits erste Umfragen zu dem Erfahrungswert von Home-Office, wie auch zu der Wahrnehmungsveränderung des Wohnraumes statt. Demnach scheint der Trend in die Richtung einer Hybridnutzung von Wohnen und Arbeiten zu gehen.   

Unser Anliegen der Räume ohne Eigenschaften ist sicherlich ein weitgefächertes Konzept und hochgestecktes Ziel. Es bezieht sich sowohl auf flexible Wohnräume und hybride Gebäudestrukturen wie auch dynamische, nutzungsoffene Bereiche im öffentlichen Raum. In welcher Form dieser Versuch der Veränderung umsetzbar ist, wird sich mit der Zeit zeigen.

Aus unserer beruflichen Erfahrung gibt es bereits Bauherren, welche auf die Covid-Erkenntnisse in zukünftigen Bauvorhaben reagieren möchten. Unser Büro hat bereits Anfragen zu Projekten mit hybriden Nutzungen (Wohnen-Arbeiten) erhalten. Auch Wohnungsgesellschaften interessieren sich mehr für variablen Wohnungsbau. Wir haben beispielsweise im Rahmen eines Wettbewerbs für eine Wohnungsbaugesellschaft hybride Wohnbaukörper in Holz-Betonbauweise entwickelt. So können jederzeit kleine Wohnungen zu einer großen und umgekehrt umfunktioniert werden. Darüber hinaus spielt der Entwurf mit flexiblen Wohnbereichen, welche Schlaf- und Arbeitsnischen in die öffentlichen geförderten Wohnungen integrieren. In der Zukunft ist unser Büro sehr daran interessiert, die benannten Konzepte innovativ in der Projektarbeit zu vertiefen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Unser Titelbild zeigt eine Freihandskizze zum Thema von der schultearchitekten gmbh